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Klinischer Stellenwert des EKGs

Die Elektrokardiographie ist unverändert eines der wichtigsten nicht-invasiven, internistisch-kardiologischen Diagnoseverfahren. Diese Einschätzung basiert zum einen auf dem erheblich diagnostischen Gewinn, der sich bei kompetenter Auswertung des Standard-EKGs ergibt, zum anderen auf der einfachen Anwendbarkeit des Verfahrens. Die Elektrokardiographie ist heutzutage ein ohne großen technischen Aufwand überall durchführbares und wenig kostenintensives Verfahren. Für den Patienten bedeutet es keine Belastung und auch kein Risiko. Die Registrierung eines EKGs kann nicht nur nahezu beliebig oft wiederholt werden, es kann darüber hinaus auch kontinuierlich (über Stunden und Tage) abgeleitet werden (EKG-Monitoring). Mittlerweile stehen auch implantierbare EKG-Rekorder zur Verfügung.

Wie jedes diagnostische Verfahren hat aber auch die EKG-Diagnostik nicht nur Stärken, sondern auch Schwächen bzw. Grenzen, die demjenigen, der es als Diagnoseverfahren anwendet, bekannt sein sollten.

Stärken der EKG-Diagnostik

Gänzlich unentbehrlich ist das EKG bei der Arrhythmiediagnostik und Diagnostik von Erregungsleitungsstörungen, wie etwa AV-Blockierungen und Schenkelblockierungen. Die elektrokardiographische Diagnostik von Herzrhythmusstörungen wird seit den 1890er Jahren betrieben, sie ist eine der ersten klinischen Anwendungen des EKGs. Auch bei der Infarktdiagnostik ist das EKG ein Grundpfeiler. Vor dem Hintergrund der sich ergebenden Konsequenzen ist die eine transmurale Myokardischämie widerspiegelnde ST-Streckenhebung im Standard-EKG einer der wichtigsten nicht-invasiven diagnostischen Befunde  in der Kardiologie. 

Schwächen und Grenzen der EKG-Diagnostik 

In den Anfangszeiten der Elektrokardiographie war die Hoffnung groß, mit dem EKG ein diagnostisches Werkzeug gefunden zu haben, dass in der Lage ist, nahezu alle Fragen an die Anatomie und Pathologie des Herzens sowie seine mechanische Funktion zu beantworten. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Die Entwicklung bildgebender Verfahren, wie etwa der Echokardiographie, hat die Grenzen der Elektrokardiographie deutlich gemacht. Darüber sind EKG-Befunde unspezifisch (wie z. B. ST-Strecken-Senkungen) und lassen keinen eindeutigen Rückschluss auf die zugrundeliegende Pathologie zu. Bei der Diagnostik von Myokardhypertrophie und -dilatation weist das EKG eine niedrige Sensitivität auf. Sie ist deutlich niedriger als die bildgebender Verfahren. Auch schwere links- oder rechtsventrikuläre Funktionsstörungen spiegeln sich nur sehr begrenzt im EKG wider.

Oft liefert das EKG lediglich Anhaltspunkte bzw. eine Verdachtsdiagnose (z. B. bei komplexen Herzfehlern oder bei einer Lungenembolie), die im Rahmen einer weiterführenden Diagnostik mittels anderweitiger diagnostischer Verfahren (z. B. mittels bildgebender Verfahren) ergänzt werden müssen. Letztendlich ist das Auflösungsvermögen von Informationen, die über lediglich 12-Ableitungen gewonnen werden, allerdings nicht selten zu gering, um im Detail Klarheit über die zugrundeliegende Pathologie zu erhalten. 

Stellenwert des EKGs im Kontext anderer diagnostischer Verfahren

Während man sich von ärztlicher Seite in den letzten Jahren bei vielen anderen diagnostischen Verfahren (z. B. bildgebenden Verfahren) darum bemüht hat, qualitätssichernde Maßnahmen zu etablieren und hierdurch die diagnostische Genauigkeit und Wertigkeit des jeweiligen Verfahrens zu optimieren, ist dies leider bei der Elektrokardiographie nicht der Fall. Sie wird in dieser Hinsicht nahezu stiefmütterlich behandelt. Beispielhaft sei die Qualität der Geräte-internen Befundungsalgorithmen, genannt, die vielfach einfach schlecht ist. Häufige Fehldiagnosen werden hier ohne jede Vorgabe zur Verbesserung akzeptiert. Besonders problematisch ist, dass die Elektrokardiographie im Medizinstudium und auch später, im Berufsleben, nicht regelrecht gelehrt wird. So wird sie zunehmend mehr eine "Spezialwissenschaft", die von vielen verwendet, aber nur von relativ wenigen verstanden und/oder beherrscht wird. Die Elektrokardiographie ist an sich ein wichtiges, einfach anzuwendendes diagnostisches Verfahren bleiben und wird dies auch in Zukunft bleiben. 

Literatur (frei zugänglich im Internet)

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